Und immer wieder Natur? Natur virtuell!

Ja, „der Begriff ‘Natur’ hat in Konsumentenohren einen ‘sehr positiven Beiklang’, schrieb das Fachorgan The European Food & Dring Review im Herbst 1996. Alles was nach ‘künstlich’ klingt, ist hingegen von Schaden für die Firmen, die etwas verkaufen wollen: Das ‘hat negative Auswirkungen auf die Akzeptanz des Produktes beim Käufer’, wie das Blatt weiß.“

Mit der Natur aber hat die Lebensmittel-Industrie so ihre Probleme. „Denn die rohe, unverfälschte Natur liefert Dinge, die für die maschinelle Verarbeitung vom Schöpfer nur ungenügend vorbereitet worden sind. Eine normale Zwiebel beispielsweise, am heimischen Herd Grundstoff etwa für Suppen und Saucen, stellt die Industrie vor ziemliche Probleme, sagt einer der Fachleute der Geschmacksfabrik Haarmann & Reimer: ‘Mit so einer Zwiebel kann doch eine Firma wie Knorr gar nicht arbeiten.’ Sie ist von wechselnder Größe, je nach Ursprungsort und Klima von variablem Geschmack, zudem verderblich. Lauter natürliche Eigenschaften, die den industriellen Verarbeitungsprozess stören.

Die Geschmacksfabrikanten haben die unzureichende Natur ein bisschen korrigiert. Optimiert, ein paar Mängel ausgeglichen. Dragoco beispielsweise kann jetzt einen solchen Käsegeschmack anbieten. Der entspricht zunächst einmal den Konsumentenwünschen,  erscheint auf dem Etikett so, wie die Käufer das gerne haben, verkündet freudig der Dragoco-Prospekt: ‘Die Deklaration ist denkbar günstig: In den meisten Ländern und Anwendungsgebieten ist die Deklaration ‘natürlich’.’

Doch während echter Käse sich während seines Daseins verändert, zerläuft, schimmelt, irgendwann streng schmeckt, bleibt Dragocos Käsegeschmack immer gleich:  ‘Unsere natürlichen Käsearomen haben eine standardisierte, stabile geschmackliche Qualität. Sie reifen nicht nach, selbst nach mehrmonatiger Lagerung verändern sie nicht ihren Charakter.’“

Ist das nicht toll! Die Tomate, die zwanzig Tage frisch bleibt wie gerade gepflückt, die kannten Sie schon. Aber einen „Mehrmonatskäse“, den hatten Sie noch nicht? Nein? Jenes „Gummiding“ in seiner wunderbar weiß-flockigen Kruste, das sich dank dieser selbst auf einem Heizkörper nicht verändert, solange man diese Kruste nicht anschneidet. Macht man dies unvorsichtigerweise, dann läuft das Käseding irgendwann einfach aus und das Krustengerüst bleibt stehen. 

“Das ist eine ganz neue Natur, in der es keinen Verfall gibt, kein Sterben – und daher auch kein Leben. Für diese neue, virtuelle Natur ist der neue, virtuelle Käse von Dragoco gleichsam maßgeschneidert: ‘Käseimitate gewinnen in vielen Märkten an Bedeutung’, so weiß der Prospekt: ‘Ihnen den typischen und ausgereiften Geschmack eines natürlichen Käses zu geben, ist mit diesen Aromen möglich.’ Diese neue Natur, die künstliche Natürlichkeit, ist die Welt, in der die Etikettendichter schon leben. Diese Welt hat, wie seit jeher in der Dichtung, gewisse Berührungspunkte mit der realen Welt.“ 

Text: Walter Häge
Quelle: Grimm, H.-U.: Die Suppe lügt“

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