Meditatio und Imaginatio

Meditatio und Imaginatio, Meditation und Imagination sind Urbestandteile aller menschlichen Kulturen, auch der europäischen Kultur. Die Weltenseele anima mundi gebiert sich, zu Materie geformt, „als Weib, dem der Manne dann, wie man seit Urzeiten weiß, „anhanget“.

Es gibt eine direkte Verbindung und eine Interaktion des Einzelbewusstseins mit der Weltenseele in Meditatio und in Imaginatio. Das muss verstanden werden: Ich binde mich mit meinem Einzelbewusstsein an das evolutionäre Bewusstsein an, das so alt ist wie diese Erde. In diesem Resonanzgeschehen bin ich in der inneren Stille Handelnder und gleichzeitig empfange ich Antwort durch Intuition, das heißt ich erkenne das, was mir vordem verschlossen war.

In der Imagination kommuniziere ich mit der Weltenseele durch Bilder, die sich im Innen erzeugen und die in rückantwortender Resonanz mein Körpergeschehen ändern. Ein einfaches Beispiel in der Krebstherapie: Ich imaginiere mir einen ganzen Schwarm kleiner Fische, die durch meinen Körper schwimmen und die Krebszellen auffressen.

Die Meditation und das Imaginieren können in vollkommener Ruhe geschehen – können, müssen aber nicht. Es gibt Anleitungen zu dynamischen Meditationen, in denen der Meditierende, sich körperlich durch Bewegung erschöpfend, ruft und schreit. Er agiert mit seiner ganzen Körperlichkeit seine Krankheitskeime weg, die immer psychisch sind. Folge: Die meist unsichtbare Begründung für die Körperkrankheit verschwindet. Diese löst sich dann auf.

In dieser Anbindung an das Göttliche bin ich als Frau oder Mann klar definiert im Sinne unserer unveränderbaren kosmischen Ordnung. Setzen wir uns über die Gender-Gehirnwäsche hinweg und finden wir uns wieder, stark, mächtig, klarfühlend und klardenkend. Ich weiß, was ich nicht will, ich schließe Stück für Stück das Negative aus mir aus und verbinde mich mit der steuernden göttlichen Kraft.

Der Geist des Urgrundes wird sich durch mein Bewusstsein bewusst. Die alten Weisen sagen: „Gott schaut durch meine Augen in seine Welt“. Ich als Individuum bin die Verbindung der materiellen Welt zum kosmischen Urgrund der Welt.

Wie wird nun die Meditation und die Imagination in der europäischen Alchemie beschrieben? Ich fasse hauptsächlich zusammen aus dem Alchemie-Lexikon von 1612, erstellt von Martinus Rulandus, Martin Ruland, dem deutschen Arzt und Alchimisten: „Das Wort ‚meditatio‘ wird gebraucht, wenn man mit irgendeinem, der aber unsichtbar ist, ein inneres Zwiegespräch hat, wie auch, unter Anrufung, mit Gott, oder mit sich selber, oder mit seinem guten Engel.“

Diese Definition zeigt, dass kein Denken, auch kein Nachdenken gemeint ist, sondern ein tatsächliches inneres Zwiegespräch und, wie Carl Gustav Jung zum Thema schreibt, „eine lebendige Beziehung zur antwortenden Stimme des ‚Anderen‘ in uns.“ Jung, der dieses „Andere“ das Unbewusste nennt, weiß natürlich um dessen Göttlichkeit und thematisiert diese.

In diesem Zwiegespräch meines denkenden Bewusstseins und dem, was ‚Seele‘ oder ‚Selbst‘ oder ‚Atman‘ genannt wird, kommen die Dinge aus einem unbewussten, potentiell existierenden Zustand auf mich zu und werden in mir manifest. Sie materialisieren sich in mir, zuerst im Geist, dann im Körper.

Es ist dies eine lebendige Beziehung, was bedeutet, dass der Materie Geist zufließt, Erkennen zufließt, Verstehen zufließt, was dann a) meine kranke Materie verändert hin zur Gesundung, bzw. meine gesunde Körpermaterie gesund bleiben lässt und b) mein krankes Handeln verändert hin zu ethisch verantwortlichen Handlungen. Ich übernehme eine persönliche Verantwortung für mich selbst und durch das daraus entstehende Ergebnis beeinflusse ich das Außen, mit welchem ich es zu tun habe.

Die erstaunliche Alchemisten-Definition nun von imaginatio, – so Ruland wörtlich: „Die Imagination ist das Gestirn im Menschen, der himmlische oder überhimmlische Leib“.

Das Gestirn bedeutet die Leitfunktion, das Wesentliche, die Quintessenz im Menschen.

  • Imaginieren ist eine physische Tätigkeit, die sich in den Kreislauf stofflicher Veränderung einschaltet und eine stoffliche Veränderung bewirkt; der Alchemist stand eben unmittelbar gegenüber dem großen Schöpfungs-Unbekannten und dem materiellen Stoff, der zu verändern war.
  • Imaginationen sind Bilder aus dem Urgrund, welche sich durch Anbindung an den Urgrund erzeugen, – welche durch Intuition erzeugt werden, – als Botschaft an mich als Individuum.
  • Imaginationen, wenn Sie scheinbar aus dem Nichts kommen, wie z.B im Traum, sind Bilder, die einen Hinweis auf das Drama der menschlichen Seele geben, jenseits meines Tagesbewusstseins. Ich bin als Mensch das zu Erlösende und gleichzeitig mein Erlöser.

Das uralte tiefste spirituelle Geheimnis aller Weisheitslehren dieser Erde offenbart sich uns: „Der, der gerufen wird ist gleichzeitig derjenige, der ruft“. Lasst mich diese ungeheure Aussage wiederholen, damit sie nicht in der Menge der Worte verschwindet: „Der, der gerufen wird ist gleichzeitig derjenige, der ruft“.

Physisches und Psychisches werden in der Alchemie als Einheit gesehen, hier gibt es kein Entweder – Oder. Das Imaginieren meiner Zielvorstellungen beschwört das Zwischenreich zwischen Ur-Geist und Stoff.

Die Seele ist jene psychische Gegebenheit, die zwischen meinem Bewusstsein und meinen physiologischen Körperfunktionen vermittelt. Es geht hier um die imaginitive Fähigkeit der Seele. Diese Seele, die Verstand und Körper regiert, sie hat die größte Macht über den Körper.

Imaginatio ist, alchemistisch gesehen, der konzentrierte Extrakt meiner lebendigen körperlichen und meiner seelischen Kräfte. Der Verfasser des anonymen Traktats „De sulphure“ sagt uns ausdrücklicht: „Du kannst Größeres erfassen, da wir dir ja die Türen geöffnet haben.

SPIRITUALIS ist gleichzeitig CORPORALIS. Geist und Körper sind eines. Mein eigener Körper ist mein „Stein der Weisen“, der, vom Geist beseelt, sich selbst umformen kann.

Und in unserem Zusammenhang der Selbsthilfe ist die zweite Bedeutung von spiritualis in höchstem Maße interessant. Sie bedeutet „zum Atem gehören“. Es gibt in der Alchemie den materiellen Atem, der Sauerstoff ins Gewebe gibt und es gibt den subtilen Atem, den Geist, der hinter dem physischen Atem liegt, als Wirk-Anbindung an das göttliche Feld. In den Weisheitslehren ist dies der „subtile Atem“, es ist „das Licht, das selbst sieht“. Es ist dies „das Leben erschaffende Licht“ im Gegensatz zum Licht, das wir sehen können.

Wenn ich nun in Anwendung der Selbstheilung den Tiefenatem meditativ physisch realisiere und gleichzeitig den subtilen Atem imaginiere, dann realisiere ich das „opus dei“, das Werk Gottes der Alchemisten in meinem täglichen Leben – und gleichzeitig erfasse ich die Essenz aller Weisheitslehren dieser Erde; der Stein der Weisen liegt in meiner eigenen Hand.

Text: Walter Häge

Literatur:
Jung, C.G: „Psychologie und Alchimie“, Walter
Jung, C.G.:“ Geheimnis der goldenen Blüte“, Dieterichs gelbe Reihe
Häge, Walter: „Selbstheilung durch neuronale Steuerung“, Sudden Inspiration Verlag

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