Geist III – Der Geist, der keiner mehr ist

Geist und Körper sind zwei Seiten einer Medaille. Wie sollte ich meinen Körper beherrschen ohne meinen Geist? Der Geist ist allem Handeln vorgelagert. So wie unser Körper der Mutter Erde entspringt, – er ist unzweifelhaft Materie, so entspringt der Inhalt der erdgebundenen Neuronen dem Kosmos. Unser Geist bezieht seine Information aus dem Kosmos!

Quantenphysiker lehren uns, dass die Inhalte dessen, was wir denken, uralt sind und nicht von unserer Hardware, – dem Gehirn –, erzeugt werden. Das Gehirn ist lediglich die Empfangsstation der kosmischen Information und die Sendestation hin zu unserem Körper. Die Software, der Denkinhalt, wird eingespielt, verarbeitet und an mich selbst weitergegeben. Ich handle gemäß meiner Software. Die Neurobiologie hat hier beeindruckende Ergebnisse erzielt.

Wird nun falsche Software eingespielt (durch eigenes, reduziertes Erleben oder durch konditionierende Manipulationen von außen), dann ist als Folge komplett alles falsch, was mein Gehirn nach außen sendet, – sprich zu mir selbst, als mein Erkennen und mein Erleben.

In der kosmischen Resonanz gilt es, diesen Regelkreis, der viele von uns, – in völliger Unkenntnis der Abläufe, – ins Verderben führt, zu beenden: Ich erkenne mich selbst, diesen individuellen Körper und diesen meinen Geist, als Segmente einer alles umfassenden Größe, einer All-Einheit.

Ich erkenne, erfühle und erfahre, dass mein Geist eine höhere Steuerungsebene hat, aus der heraus er geboren und mit Energie gespeist wird, – das, was Wissenschaftler zum Beispiel „morphogenetisches Feld“ nennen.

Mein Instrument, um zu erkennen, dass diese höhere Steuerungsebene real ist, ist mein analytischer Geist, dieses Instrument des Feldes in die Welt der Erscheinungen hinein.

Es gibt viele Modelle über jenen Teil unserer kosmischen Herkunft und es ist absolut unwichtig, welches dieser vielen Modelle mir schlüssig erscheint. Wichtig für mein Leben in Gesundheit ist ein selbstbestimmtes Leben in Verantwortung für mich selbst und für mein Umfeld.

Diese Selbstbestimmung zu verwirklichen – langsam, behutsam, aber zielstrebig und letztendlich ohne Kompromisse – ist das Ziel, das zur Gesundung führt. Dafür sollte kein Weg zu weit sein, keine Anstrengung zu groß und keine Angst zu stark sein, als dass sie nicht gemeistert werden könnte. Viele, viele sind vor uns diesen Weg schon gegangen, diesen Weg, der zum Ziel führt, – jetzt und heute ist es an uns, die ersten Schritte zu gehen!

Zen-Meister Daio Kokushi (1235-1309) sagt uns:

Es gibt eine Wirklichkeit
Es gibt eine Wirklichkeit, die
vor Himmel und Erde steht.
Sie hat keine Form, geschweige denn einen Namen.
Augen können sie nicht sehen.

Lautlos ist sie, nicht wahrnehmbar für Ohren.
Sie Geist oder Buddha zu nennen, entspricht nicht ihrer Natur,
wie das Trugbild einer Blume wäre sie dann.

Nicht Geist noch Buddha ist sie;
vollkommen ruhig erleuchtet sie in wunderbarer Weise.
Nur dem klaren Auge ist sie wahrnehmbar.

Das Dharma ist sie und wirklich jenseits von Form und Klang.
Das Tao ist sie und Worte haben nichts mit ihr zu tun.


Geist III ist das Synonym für mein nicht mehr differenziertes Bewusstsein, welches auf dieser Ebene kein Geisteszustand mehr ist. Es ist meine eigentliche Identität, mein Selbst (C.G. Jung), mein Atman (Veden), mein Seelenfünklein (Meister Eckart), mein Sháhid (Sufismus).

Mein tiefes Eintauchen in Geist II habe ich dazu benutzt, mich von ihm zu entfernen, ich habe ihn immer mehr „schrumpfen“ lassen (natürlich ohne dieses wunderbare analytische Element zu verlieren; im Gegenteil, es ist hellwach bereit für einen Einsatz). Ich benutze Geist II bei Bedarf und ziehe mich danach von ihm zurück, – das ist wunderbar entspannend!

Geist III ist derjenige, der ich war, bevor ich geworden. Bin ich eingetaucht in ihn, dann weiß ich in meinem Innern, dann kann ich alles Denken zurücktreten lassen. Ich befinde mich dann inmitten der Intelligenz des Universums, welche über allem dualen Denken steht. Ich bin mitten im TAO, im „Alles was ist und nicht ist“, denn auch ich bin ES.

Ich muss die Ebene der Dualität mit seinem Denkvermögen hinter mir gelassen haben, um in diese Seelenebene eintauchen zu können, zumindest um zu ahnen und zu akzeptieren, dass es diese tief in mir gibt. Das Wissen von Atman (ich verwende den ältesten aller dieser Begriffe von Seele oder Selbst), ist das Äonen alte Wissen des Kosmos, das vor diesem Universum bereits vorhanden war und das nach diesem Universum weiter vorhanden sein wird.

Gott ist Atman, Atman ist Gott und durch meine Inspiration, die hinter allem Denken entsteht und durch alles Denken hindurchblitzt, bekomme ich Antwort. Ich kann das Leben, mein Leben, mit den Augen meiner Seele sehen, mit den Augen Atmans, wenn ich die Bahnen dazu frei mache.

Um in dieses Verständnis zu gelangen, ist die Systematik der Sufis (1) sehr hilfreich. Sie besitzen für diese Dreiteilung des Geistes sehr anschauliche Bilder, die Verwirrungen lösen können. Das Leben, allein im Denken (Geist I), nennen sie: „Die Reise, weg von Gott.“ Durch die Individuation des Einzelnen entfernt sich der junge Mensch von seinem Ursprung, um seine Identität hier auf diesem Planeten zu finden. Er wird eine Persönlichkeit, ein eigenständiger Mensch.

Dabei läuft er zwangsläufig in die tausend Fallen der Konditionierungen, deren Inhalte er fälschlicherweise als eigene Identität, als eigenen Willen verinnerlicht. Dieser Weg in die Vereinzelung ist ein evolutionäres Paradoxon, denn er ist für die Entwicklung des Menschen notwendig, führt aber gleichzeitig und zwangsläufig in die geistige und körperliche Erkrankung, wenn der Anpassungsdruck nicht mehr kompensiert werden kann.

Die Strategien der Mächtigen setzen in diesem Entwicklungs-Segment an, sie manipulieren den jungen Menschen in die Isolation, in die Bindungslosigkeit, in die Dauerangst (mit vordergründig hochstehenden Begriffen wie „Freiheit“, „Selbstbestimmung“, „Emanzipation“ und tausend Worthülsen mehr). Das Ergebnis ist dann Schrankenlosigkeit, Bindungslosigkeit, Orientierungslosigkeit, Hilflosigkeit bis zur absoluten Abhängigkeit.

Die meisten Menschen gehen diesen Weg zu Ende, bis zu ihrem Tod. Ohne Lernprozess sterben sie, alt geworden, aber nicht erwachsen, vollgepumpt mit Medikamenten, verwirrt, hoffnungslos, alleingelassen von der Familie, überlebensgepflegt von abgestumpften oder desinteressiert Hilfskräften, – oder, falls diese liebevoll und anteilnehmend sind, dann sind sie völlig überlastet und eigentlich überfordert.
Viele Menschen,- und es werden immer mehr -, kommen auf diesem Weg, „weg von Gott“, an einen Schlusspunkt, an einen Wendepunkt, den die Sufis „Tauba“ nennen. Es ist wie das Ziehen einer Notbremse, meist durch eine aufbrechende Krankheit verursacht, oder durch einen sich ankündigenden Zusammenbruch der gequälten Psyche: Schluss mit dieser Sinnlosigkeit, das Wertvollste zu vergeuden, was ich habe,– dieses mein Leben!

Das Steuer wird herumgerissen, das Denken wird neu geordnet, das Fühlen wird wieder zu einer wichtigen Größe, die Welt um mich wird neu als Partner erkannt und nicht mehr als Kampfgegner. Die Manipulatoren werden erkannt, ihre Parolen werden durchschaut, ihr Lügengebäude, das Knechtschaft ist, wird nicht mehr akzeptiert und es wird eine Lösung gesucht, aus diesem letztendlichen Vernichtungslager fliehen zu können.

Dieser Fluchtweg ist vorhanden, hunderttausendfach erprobt und erfolgreich benutzt: es ist die Reise zu mir selbst, zu meiner inneren, tatsächlichen Identität, eben zu mir selbst, zu mir, wie ich tatsächlich bin (unter dem vielen Schutt, der sich über mich gelegt hat). Es ist, wie die Sufis sagen: „Die Reise hin zu Gott“, die schon nach kurzer Reisezeit keine Flucht mehr ist, sondern eine Heimkehr.

Es ist die Phase der Ent-Konditionierung auf allen Gebieten. Alles wird auf den Prüfstand gelegt: Alle Beziehungen, alles was ich meine, was ich glaube, was ich denke, was ich fühle, was bis zu diesem Wendepunkt meine Meinung, meine Überzeugung war. Es ist die Reise zu mir selbst.

Hier kann ich Fachleute wie Psychologen zu Rate ziehen, sollte dabei aber, sehr vorsichtig sein. Osho hat dazu sehr prägnant gesagt, dass es unerheblich sei, wie und durch wen ich in diesen Lebens-Schlamassel hineingeraten bin. Wichtig ist, dass ich da herauskomme.

Nach meiner Sicht sind die alten Weisheitslehren am zielorientiertesten: die Upanischaden, Buddha, die Taoisten und die Sufis. Alles, aber auch alles, was später geschrieben und gesagt wurde, baut auf diesen auf, gleich unter welchem Namen nach außen gegangen wird.

Dieser Geist III, der kein Geist im Sinne einer eigenen Neuronenleistung ist, ist nach den Sufis: „Die Reise in Gott“. Diese Begriffsbildung wird dann gut verständlich, wenn man weiß was hier mit Gott gemeint ist: Keine Person, kein Wesen, kein irgendwie geartetes Sein, das außerhalb des Lebendigen wäre. Er ist kein duales Wesen das dort wäre und ich hier. Dieser Gott ist immanent, das heißt, er ist in allem enthalten was ist und was (nach unseren Sinnen) nicht ist.

Reise ich in Gott, dann reise ich in mir selbst, als eine kleine Struktur jenes Ganzen, als kleine Ausformung dessen, was Gott genannt wird. Nach diesem Verständnis bin ich selbst ein winzig kleiner Teil Gottes, aber wissend, dass es keine Teile gibt.

Das ist die Philosophie, über welche dicke Bücher geschrieben wurden. Aber wie sieht diese Reise real aus? Wie kann ich damit in dieser Welt zurechtkommen, in einer Welt, in der Lug und Trug und das Einverleiben des Schwachen zur herrschenden Lehrmeinung und zur Staatsreligion geworden ist?

Die Sufis haben das wohl nie erreichbare Endziel dieser Reise so formuliert: „Ich will wieder werden wie ich war, bevor ich geworden“. Diese Aussage zeigt auf jeden Fall die Richtung dieser Reise: nicht nach vorne zu neuen Ufern, zu neuen Taten, zu neuen Erkenntnissen, – nein, das Gegenteil; es ist die Reise zurück zur Quelle. Nur diese Quelle ist authentisch, nur diese ist wahr, nur diese ist tatsächliches Realität: ich gehöre zu ihr.

Doch wie soll diese Reise in Worte gefasst werden, in Sprache? Welche Begriffe können für Inhalte verwendet werden, die sich eigentlich nonverbal im Sein abspielen?

Die Antwort auf diese so wichtige Frage hat sich mir im chinesischen Taoismus erschlossen. Nach dem intensiven Studium der Sufilehren, der Upanischaden, der Reden des Buddha und wichtiger Zen-Meister bin ich auf Chuang Tzu (Zhuangzi) gestoßen, auf Lao-Tse, auf die grandiose Übersetzungsarbeit von Richard Wilhelm und dann – quasi in der Jetztzeit – auf Theo Fischer.

Es war für mich ein Durchbruch des Verstehens ohnegleichen! Die Umsetzung des unscheinbaren Begriffes Tao in Realität hatte mich wie ein Fieber erfasst: Ich war tatsächlich an jenem Punkt angekommen, wo die Reise in Gott beginnen könnte; das warf noch einmal meine Art zu fühlen und zu empfinden komplett auf den Prüfstand: Das Tao wurde für mich zur Realität des täglichen Lebens.

Erläuterung
(1) Siehe Mein Buch: „Den Pfad der Sufis gehen“, Sudden Inspiration Verlag

Text: Walter Häge

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