Geist I – Der Verstand

Der Verstand ist ein Neuro- oder Biocomputer, der etwa ab dem dritten Lebensjahr alle Daten der umgebenden Welt sammelt. Ich bin mit diesem meinem Gehirn an ein weltweites Netzwerk angeschlossen, – jeder von außen kann mir Nachrichten senden. Deshalb benötige ich mein „Ich“ als Zentrum, um mich gegen die von außen kommenden Einflüsse zur Wehr setzen zu können, um diese abschalten zu können. Dieses Ego-Ich ist im Grunde eine Schutzkonstruktion der Evolution.

Fremddaten und Fremdprogramme werden bei mir eingespielt, auf denen dann die Neuronen wie auf einem Klavier spielen. Gleich einem Bienenstock summt und rattert der Verstand Tag und Nacht, macht sich Pläne, verwirft sie, macht sich Hoffnungen, verwirft sie, macht sich Sorgen was sein könnte und denkt sich die Vergangenheit so um, dass sie ins momentane Programm, in die aktuelle Sicht der Welt passt.

Unsere menschliche Tragik ist die, dass kein Knopf zum Ausschalten vorhanden ist.

Durch eine Dauer-Fütterung mit Belanglosigkeiten bis Unsinnigkeiten wird der Denkinhalt seiner Kraft beraubt. Scheinprobleme beherrschen dann das Gehirn. Das, was dieser Schnatterkasten dann in Sprache umsetzt, wird zum Rede-Geplapper.

Der Verstand ist prinzipiell unfriedlich und unersättlich, – was ich oder andere auch hineinschütten, er wühlt und wühlt und kommt nicht zur Ruhe. Die Tragik des Menschseins ist dieser Verstand; er ist grundlegend pathologisch und verleitet dazu, falsche Weltsicht bis Irrsinn als Normalität zu betrachten. Unser grübelnder Verstand in seiner jetzigen Form ist ein Irrläufer der Evolution.

(Nach)denkender, umherschweifender Verstand

  • heißt der Vergangenheit nachgrübeln und der Zukunft voraushoffen. Ich bewege mich damit in einem virtuellen, nichtexistenten Bereich, denn die Vergangenheit ist tot und eine Zukunft gibt es erst, wenn sie im Jetztpunkt gelebt werden kann. Dann ist sie jedoch keine Zukunft mehr.
  • kann nur in Zielen leben. Immer muss etwas angestrebt, geplant, erträumt werden. Alle Ziele sind nicht jetzt und somit nicht real (natürlich kann ich meine Jetzt-Momente in Richtung meiner Zielsetzung steuern; dies ist jedoch mit Wachheit, Klarheit und analytischem Denken verbunden).
  • bindet mich in ein System ein, in welchem alle so denken wie das System. Innerhalb dieses Systems agierend, kann ich es nicht durchschauen. Die einzige Chance ist herauszutreten, um die Strategien von außen zu betrachten.
  • ist ein gesellschaftliches Phänomen der systematischen Zerstörung meines persönlichen Bewusstseins. Zuerst durch Erziehung und Pädagogik, dann durch den kompletten Druck der Gesellschaft.
  • ist ein Gefängnis, ist ein Hamsterrad; ich gehe immerzu im Kreis.
  • erzeugt irrationale Angst, die zu meinem dauernden Lebensbegleiter wird.
  • heißt Jahrhunderte lang ausgesprochene oder nicht ausgesprochene Unsinnigkeiten und Unwahrheiten so lange zu wiederholen, bis sie zu meiner Wahrheit werden.
  • heißt, jede Antwort in eine neue Frage umzudrehen.

Dieser Verstand ist der Eingang zur Hölle. An diesem Eingang stehen das „Haben-Wollen” mit seinen nie endenden Wünschen, die Gier nach Besitz und nach Ehre.

Geist I ist der Geisteszustand des Verhaltens, der Verhaltensebene, mit dem Körper im Mittelpunkt. Hier wird das Angenehme mit dem „Richtigen“ oder dem „Guten“ verwechselt. Hier wird das Dasein auf Zeit mit dem Dauerhaften verwechselt.

Geist I ist ein Synonym für das Oberflächen-Bewusstsein, welches die Betriebsamkeit des Lebens als das Leben an sich ansieht. Der Einfachheit halber, und weil kein besserer Begriff zur Verfügung steht, nennen wir diesen Basisgeist „Verstand“. Ich meine zu verstehen, was auf meiner mich umgebenden Ebene vor sich geht. Auf meine Art versuche ich damit klar zu kommen, versuche ich, mit diesem Verstehen zu leben.

Geist I, mein Verstand, mein Denkapparat, ist mein Sorgenspeicher. Der Verstand konstruiert Sorgen und mein Ich nimmt sie als Realität zur Kenntnis. Dann wird der Körper darüber informiert, der die eingebildete Bedrohung für real hält und entsprechende Abwehr-Substanzen ausschüttet, – ein fataler Mechanismus, der auf Dauer krank macht. Mein Ego ist dieser Sorgenspeicher; er erdenkt sich Bedrohungen die überhaupt nicht existieren und entwickelt für diese Luftblasen Gegenstrategien, die absolut nicht relevant sind.

Dieser Verstand denkt prinzipiell mit zweierlei Maß, er denkt auf zwei Ebenen:

  • Da bin ich. Ich bin der zentrale Punkt, um den sich alles, was ist, dreht (bildlich und tatsächlich). Ich weiß, wie die Welt ist, und muss nötigenfalls die Anderen um mich korrigieren, weil sie nicht wissen, wie die Welt ist.
  • Dort sind die Anderen. Sie sind periphere Punkte, Zuträger, Dienstleister für alles, was ich benötige. Sie wissen nicht wie die Welt ist. Gut, dass es mich mit meinem Wissen gibt.

Indem ich mir einbilde, der zentrale Punkt des Universums zu sein, erzeuge ich in mir ein Kampfverhalten als eine grundlegende Negativität. Es ist eine grundlegende Aggression, welche die Dinge nicht akzeptiert wie sie sind. Ich erlebe das Außen negativ, weil es meinen persönlichen Vorstellungen nicht entspricht und suche mir die logisch scheinenden Begründungen, mit denen ich gegen dieses Außen vorgehen kann. Durch diese selbst erschaffene Logik stelle ich mir einen eigenen Freibrief aus, der für jeden, der sich mit mir einlässt, eine böse Erfahrung werden kann. Ich selbst bin natürlich immer im Recht, weil ich gemäß meiner eigenen Logik handle.

Unser Handlungsgeist kennt nur Dualität, – kennt die Eben von „ja“ oder „nein“, von „richtig“ oder „falsch“, wobei „richtig“ immer das ist, was mir selbst nutzt. Diese Ebene ist ein surrender Prozess, eine Hetze von Hin und Her, welche komplett an das eigene Nervensystem gekoppelt ist. Sinnesreize, wo immer sie auch herkommen mögen, geben den Anlass zur Reaktion: ein nicht sichtbarer und nicht verstehbarer „Außenwind“ treibt mich hierhin und dorthin, lässt mich links oder rechts greifen, lässt mich dies oder das glauben, flüstert mir diese oder jene Meinung ein.

Ein Merkmal dieses Geistes ist, dass er nur reagieren kann; er kann nicht selbst denken! Tatsächliches Denken heißt eine Sache analysieren; – dazu braucht es Distanz. Geist I hat keinerlei Distanz zu seinem Tun. Es ist dies der handelnde, aber nicht erkennende Geist. Der Verstand sieht die Welt wie durch einen schmalen Schlitz, durch seinen Schlitz und er beurteilt sie danach.

Wenn wir innerhalb des Verstandes von „denken“ sprechen, dann meinen wir das planende Verhalten, das Nachdenken darüber, wie ich etwas erreichen könnte, was ich haben möchte oder das Nachdenken darüber, wie ich etwas vermeiden könnte, das ich nicht haben möchte. Ich denke darüber nach wie ich eine Sache angehe, wie ich Schmerz vermeide, wie ich Lust gewinne, wie ich Vorteile erlange, wie ich Nachteile vermeide. Das Merkmal dieses „niederen“ Denken ist, dass keine Distanz zwischen dem Denkenden und dem Denkinhalt besteht: in Geist I sind Denkender und Denkinhalt das Gleiche!

Das Leben in Geist I, im Denken der Erscheinungen, ist ein hypnotischer Zustand der Willenlosigkeit, in welchem die Notwendigkeiten der Lebens-Organisation automatenhaft und unbewusst ablaufen. Dass dies der Betroffene nicht realisiert, tut nichts zur Sache. Was der Betroffene realisiert ist ständiges Leid, ist dauerndes „Rennen an eine Wand“. Wird die Verursachung nach außen projiziert, entsteht ein dauerndes Kampfverhalten, mit dessen negativen psychischen und dann körperlichen Folgen: Krankheit entsteht immer im Geist!

Das muss verstanden werden: Da die Psyche selbst nicht denken kann, wird der unmittelbare Reiz, der unmittelbare Moment zum Herrscher über mich. Die Falle der Psyche heißt: „Das will ich jetzt.“ Die Falle heißt: „Dort ist mein Vorteil“, sie heißt: „Was von alledem bringt mir am Meisten?“ Und: „Das gehört mir!“. „Das ist mein Haus!“, „Das ist meine Frau!“ „Das alles ist mein!“. Und: „Meine Bedingungen sind maßgebend!“ Und so weiter und so fort. Die Tragödie, in welche dieser Geist hineinläuft, wenn er der Herr ist, sie ist vorhersehbar, berechenbar. Die Tragödie ist unausweichlich, unabwendbar, auch wenn großer Reichtum angehäuft wird.

Dies gilt auch für jenen Fall, dass dieser niedere Geist mit einem sozusagen abartigen Analysegeist gekoppelt ist, der die Umwelt so zu manipulieren vermag, dass alles und jedes zu Eigennutz geformt wird: Alles, was zulässt, dass es manipuliert wird, wird auch manipuliert, um die Gier des niederen Geistes groß und größer werden zu lassen.

Der nicht erkennende Mensch erhält die Impulse auf dieser Geist-Ebene

  • von ursprünglichen „lebensrettenden“ Impulsen aus der Kindheit (seinen Fluchtmechanismen).
  • von Manipulatoren jeglicher Art, die ihn fremd- und außensteuern.
  • von selbst formulierten (oft einschränkenden) Glaubenssätzen, – eine Selbstkonditionierung, durch die sich der Charakter weiter negativ festigt.

Dualität ist der Geist der Escheinungswelt, und dieser Geist kann nur erkennen und verfolgen, was sich bewegt. Man liest, dass es Insekten gibt, die nur das sehen, was vor ihren Augen in Bewegung ist. Sitzt ein potentielles Opfer direkt vor solch einem Insekt und es bewegt sich nicht, dann sieht der Räuber nichts, komplett nichts.

Für den Geist der Erscheinungswelt gibt es ebenfalls nur das, was ihm sein Nervensystem mit Hilfe der Sinne sichtbar macht. Dieser Geist erkennt keine tatsächliche Realität, er erkennt ein Segment, das an sein individuelles System gekoppelt ist. Geist I erfährt niemals, wie die Welt wirklich ist; das Tragische ist, er weiß nicht, dass er niemals etwas davon erfährt.

Bei meinem Verstand endet mein Ich an meiner Haut – bis dahin geht alles Interesse. Jenseits meiner Haut ist „alles Andere“, das ich nicht bin.

Tragisch, wenn ich lediglich eine Vorstellung vom Leben sehe, ein Modell, das mir zeigt, was ich meine, was ich glaube, wie ich bin. Was ich auf dieser Ebene „realisiere“ ist eine Halluzination. Teile ich diese mit den anderen Menschen, dann
wird sie zu einem „normalen“ Zustand. Die Täuschung wird normal und manches Menschenkind fühlt sich nur dann wohl, wenn es getäuscht wird. Dann kann das komplette Leben zu einer einzigen Täuschung werden.

Worauf mein Oberflächengeist trifft, ohne dies zu ahnen? Auf Lichtwellen in einem eng begrenzten Bereich. So, dass diese zu einem sichtbaren Objekt werden können. Auf Schallwellen in einem eng begrenzten Bereich. So, dass diese in meinem Ohr gehört werden können. Meine fünf Sinne geben ihre Informationen als energetische Impulse an das Gehirn weiter – und dieses begründet daraus seine Sicht von der Welt. Abermilliarden von einzelnen Sinneseindrücken formen für mich ein privates Bild von der Welt, welches ich irrtümlich „real“ nenne. Es gilt dann der Satz: ‚Die Welt, das ist das, wovon ich meine, dass es die Welt sei‘.

Der Verstand erfährt niemals, dass es keine Außenwelt gibt. Er meint irrtümlich, diese sei von der Innenwelt getrennt. Es gibt kein „Außen“, das vom „Innen“ getrennt wäre. Beide Welten sind eine Welt: Ich und die Realität um mich, wir sind nichtzwei.

Natürlich ist die Welt der Sinne, die oft als „traumhaft“, als „Maya“ (Sanskrit) beschrieben wird, eine reale Welt. Geist I und seine Welt sind real, – schließlich bewegt sich jeder von uns tagtäglich darin –, aber es ist eine Realität „niederer“
Ordnung. In dieser wird sozusagen eine kosmische Täuschung geordnet und strukturiert. (Es muss hier verstanden werden, dass unser Wahrnehmungsvermögen, welches Materie als fest und als dauerhaft klassifiziert, eine komplette kosmische Täuschung ist, auf Grund unserer Sinne, welche die rasende Geschwindigkeit der Elektronen als fest beurteilt).

Das Verlassen des dualen Denkens ist eine Voraussetzung, um zu Geist II vordringen zu können. Buddhas Aussage, dass von jeder Wahrheit auch ihr Gegenteil wahr sei, sollte zu meinem Grundwissen werden, zu meinem Grund-Lebensgefühl, welches dann tief in meinem Energiefeld und damit in meinen Körperzellen verankert sein sollte.

Text: Walter Häge

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